von Kerstin » Di 30. Okt 2007, 10:52
Freitag, 14. September 2007
Wer nicht denken will, muss fühlen, oder: weshalb man niemals einen Fluss an seiner engsten Stelle furten sollte
Gestern habe ich ja schon von meiner neuen Hütte und meinem Job gesprochen, heute will ich aber einmal genauer auf das eingehen, was in den letzten Tagen geschehen ist.
Am achten September bin ich in Keflavík gelandet, mit knurrendem Magen wohlgemerkt, da das Essen bei Icelandair erstens schlecht und zweitens zu wenig war, und habe dann erst einmal bei Freunden in Reykjavík übernachtet. Am Sonntag machte ich mit ihnen einen Ausflug in der Hengilssvæði, und am Montag ließ ich mich dann im Büro des FÍ blicken, dem Wanderverein für den ich arbeite. Da die meisten Isländer auch im Emailzeitalter sehr schreibfaul sind und außerdem nicht weiter als eine Woche im voraus planen können, wusste auch ich noch nicht genau, was ich in den kommenden Wochen eigentlich tun würde. Ich war mit meinem Chef in einer sehr knappen Mail so verblieben, dass er schon Arbeit für mich finden würde und wir weiteres klären würden, wenn ich nach meiner Ankunft im Büro auftauchen würde. Und das tat ich dann auch.
Die Augen der Mädels im Büro waren groß, als ich eintraf.
"Wie, bist du noch nicht in der Þórsmörk?" wurde ich begrüßt.
Þórsmörk? Wie jetzt?
Schnell stellte sich heraus, dass mein Chef in Urlaub war und nur mein Ankunftsdatum hinterlassen hatte. Folglich war man aus irgendeinem mir unerklärlichen Grunde davon ausgegangen, dass ich mich direkt nach meiner Ankunft selbständig in die Þórsmörk begeben würde, wo nämlich der alte Hüttenwart schon verzweifelt auf mich wartete.
Oh man, wie typisch Isländisch! Ich handelte mir also noch drei Stunden Spielraum aus, holte all mein Gepäck von meinen Freunden ab, kaufte für unbestimmte Zeit Lebensmittel ein, und wurde zur Mittagszeit in die Þórsmörk gefahren.
So schnell kann das gehen!
In Langidalur wartete schon mein Vorgänger auf mich. Gísli, ein pensionierter Lehrer, war wie alle anderen davon ausgegangen, dass ich schon vor zwei Tagen erscheinen würde. Dementsprechend ungeduldig war er dann auch, sich vom Acker zu machen. Ich bekam einen Crashkurs in Sachen Hütteninformation. Er führte mich umher, erklärte mir, wie die Stromversorgung der Toiletten und Hütte funktioniert, und vor allem erläuterte er mir, wie ich die Kinder behandeln solle, welche hier in Scharen Einzug halten. Der September ist traditionell der Monat, in dem Schulausflüge und Klassenfahrten ins Grüne unternommen werden; alle Hütten in der Þórsmörk sind in dieser Zeit bis zum letzten Platz ausgebucht. Unter der Woche wechseln sich die Schulklassen ab, an Wochenenden sind private Gruppen unterwegs - genug zu tun ist allemal! Ich bat Gísli dann noch, mich in den Gebrauch des Traktors einzuweisen, was wieder sehr isländisch vonstatten ging: Gísli fuhr mit mir als Beifahrer einmal über die Krossá, stieg dann aus und wies mich an, jetzt eine halbe Stunde selber umherzufahren. Das tat ich dann auch und wurde so mit dem Traktor vertraut, und im Flussfurten übte ich mich dann direkt auch einmal. Auf meine Frage, was ich denn machen solle, wenn ich ein Auto aus dem Fluss ziehen müsse, lachte er nur.
"Na, hinten am Trekker ist ein Seil, das machste irgendwo am Fahrzeug fest, und das ziehste dann raus! Ganz einfach!"
Aha. Soso.
Oh man, diese Isländer...
Ja, und so wurde ich dann alleine auf der mir unbekannten Hütte zurückgelassen und bin seitdem dort.
Zum Glück war in den ersten beiden Tagen nur wenig Betrieb in Langidalur, so dass ich mich erst einmal orientieren konnte. Die Skagfjörðsskáli, so der Name der Hütte in Langidalur, ist riesengroß! Fünf Schlafsäle mit 75 Matratzen, ein Versammlungssaal, zwei Küchen, ein Klohaus mit neun Toiletten und drei Duschen, der "Shop"(das Haus für die Camper), ein Baucontainer als Abstellkammer (in dem sich die Dinge bis unter die Decke stapeln und man folglich alles und doch nichts findet), und außerdem ein eigenes, etwas abseits stehendes Häuschen für mich als Hüttenwart. Was bin ich in den ersten Tagen nicht umhergerannt, weil ich Dinge suchte und sie nicht fand! Es gibt so viele Schränke und Ecken wo Zeugs gelagert wird - man braucht wirklich einige Zeit, bevor man sich hier zurechtfindet!
So hatte ich also in den ersten Tagen trotz ausbleibender Hüttengäste genug zu tun (es waren nur Camper da, welche die letzten Wanderer des Laugavegur waren), düste täglich mehrmals über die Krossá um darin sicher zu werden - und wurde gestern dann zu meinem ersten Bergungseinsatz gerufen.
Es war alles ein bisschen seltsam. Ich bekam einen Anruf von einer Person, die sich wie üblich nicht vorstellte und mir sagte, dass irgendwo auf dem Weg zu mir mit ziemlicher Sicherheit ein Auto steckengeblieben sei. Mehr konnte er mir nicht sagen. Ich sprang also in die mir viel zu großen Wathosen und tuckerte los.
In der Krossá steckte niemand, weder hier noch auf dem Weg nach Húsadalur. Auch die Stakkholtsá war autofrei. Als ich mich aber der Steinholtsá näherte, sah ich ihn schon, den unglücklichen Wagen: ein kleiner Lada-Sport, so ein Mini-Jeep der Bauart Suzuki-Jimmy, war in der Steinholtsá auf Tauchstation gegangen. Es war auf den ersten Blick klar, dass es sich hierbei um die Tat eines unwissenden Touristen handelte. Etwa zwanzig Meter unterhalb des abgesoffenen Autos befand sich eine gute Furt, schön breit, die Strömung gab an, dass es flach war und sich keine großen Steine dort befanden. Aber der frierende Herr am anderen Ufer, ein verzweifelter Belgier, hatte den kürzesten und direkten Weg durch den Fluss nehmen wollen - ein fataler Fehler. Das Wasser war zwar eigentlich gar nicht so tief, aber es war definitiv zu tief und zu steil für den kleinen Wagen, der mit der Schnauze voran in den Fluss abgetaucht war und seitdem dort steckte. Über Handy hatte der Mann die Notrufnummer 112 kontaktiert, und diese hatten dann wohl mich angerufen.
Nachdem ich den guten Mann in eine Decke eingewickelt und in den warmen Traktor geschickt hatte, sah ich mir die Möglichkeiten an, den kleinen Wagen abzuschleppen. Das Wasser schwappte über die Kühlerhaube auf die Windschutzscheibe und stand bis zu den Sitzen im Innenraum; es war also etwas schwierig, dort das Abschleppseil zu befestigen. Am Heck aber befand sich nichts Passendes: kein Haken, keine Anhängerkupplung, nichts. Das einzige, was ich fand, war ein Loch in einer dünnen Metallplatte, welche definitiv nicht dazu gedacht war, ein Abschleppseil daran zu befestigen. Aber nach langem Hin und her tat ich es dann doch: ein dünnes Seil durch die Öse gefädelt, das Abschleppseil per Haken daran geklinkt - und dann schickte ich den Belgier in Wathosen in sein Auto und wies ihn an, die Handbremse zu lösen und zu lenken, wenn sich das Auto in Bewegung setzte. Und dann machte ich mich daran, den Lada rückwärts aus dem Fluss zu befreien.
Das Seil riss eigentlich sofort; ich fädelte es diesmal dreimal durch die dünne Öse und versuchte es noch einmal. Diesmal klappte es und zog ich den Wagen langsam aber sicher aus dem Wasser ans Ufer. Zu meinem großen Erstaunen machte die dünne Metallöse das mit - sie war zwar hinterher etwas verbogen, aber das Auto stand im Trockenen!
Nun war ich noch eine Stunde damit beschäftigt, dem unglücklichen Belgier einen Abschleppdienst zu organisieren. Nach Rücksprache mit seinem Autovermieter war klar, dass er nicht nur den Motorschaden bezahlen musste, sondern auch für die Rückkehr des Wagens nach Keflavík selber aufkommen würde. Ich rief also zuerst die Bergrettung in Hella an und brachte sie dazu, den guten Mann abzuschleppen - zumindest bis Hvolsvöllur. Von da aus konnte er sich dann einen Abschleppdienst ordern, würde aber zumindest aus der Þórsmörk heraus von Freiwilligen Hilfe bekommen. Und nachdem das dann endlich geregelt war, ließ ich den bemitleidenswerten Herrn mit seinem triefenden Auto alleine und machte mich auf den Rückweg - gut gelaunt, dass meine erste Bergung so gut verlaufen war!
Heute war dann auch ein relativ ruhiger Tag. Ich brachte die Hütte auf Hochglanz und schrubbte die Duschen (etwas, das lange schon niemand mehr gemacht hatte), und wurde dann von drei müden Österreichern gefragt, ob ich den Shop für sie öffnen könne. Die drei Jungs waren die allerletzten Wanderer des Laugavegur; sie waren mit dem letzten Linienbus nach Landmannalaugar gekommen und erkundigten sich nun, ob es eine Möglichkeit gäbe, eine Mitfahrgelegenheit aus der Þórsmörk zu organisieren. Sie hatten eigentlich geplant, über den Fimmvörðuháls nach Skógar zu laufen, hatten aber nicht mehr wirklich Lust dazu - verständlich, da es die vergangenen Tage nur geregnet hatte und die Wettervorhersage für die kommenden Tage nicht viel besser ausschaute.
Als Fußgänger aus der Þórsmörk zu kommen, ist außerhalb der Hochsaison ziemlich schwierig. Die Linienbusse hatten den Verkehr diesmal schon in der ersten Septemberwoche eingestellt, und auch bei mir war niemand mehr, der die Jungs mitnehmen konnte. Das dänische Militär tobte sich zwar gerade mit Wüstenfahrzeugen in der Krossá aus, aber diese Spielkinder würden in Húsadalur übernachten, das wusste ich und daher kamen sie auch nicht als Ansprechpartner in Frage. Nun hatte ich in den letzten Tagen aber zum Glück schon genügend Leute kennengelernt, um zu wissen, dass ein Busfahrer der Kynnisferðir gerade in Básar war und sich bald Richtung Hvolsvöllur aufmachen würde. Also schickte ich die Jungs los, die Krossá zu überqueren, und versuchte, den Busfahrer Bjössi per Telefon zu erreichen. Während ich das tat, sah ich die drei Jungs wie wasserscheue Füchse die kleinen Seitenarme der Krossá ablaufen. Die Fußgängerbrücke war seit Anfang des Sommers nicht mehr nutzbar, da der Fluss seinen Lauf geändert hatte, das wusste ich und hatte ich den dreien auch gesagt. Da sie den Laugavegur gegangen waren, ging ich davon aus, dass sie des Flussfurtens mächtig seien - widerrief diese Meinung jedoch, als ich sie bei den ersten Bachüberquerungen beobachtete. Und als sie dann Ewigkeiten am Hauptstrom der Krossá verbrachten und sich scheinbar daran machen wollten, diesen an seiner tiefsten Stelle zu durchfurten, sprintete ich in den Traktor und lud den ersten der Drei samt Gepäck in die Kabine. Als ich an der Stelle furtete, an der die Jungs gestanden hatten, überspülte die Krossá die Vorderreifen des Traktors - ich glaube, in dem Moment waren alle froh, dass ich einer Fußfurtung an dieser Stelle zuvor gekommen war!
Parallel mit meiner Ankunft am anderen Ufer kam Bjössi mit dem Bus vorbei und stoppte. Die Insassen des Busses drückten neugierig ihre Nasen an den Fenstern platt, als ich die tiefe Furt zurückfuhr und die beiden verbliebenen Wanderer sicher über den Fluss brachte. Bjössi nahm die drei Jungs gerne mit, welche sich müde aber sichtlich erleichtert von mir verabschiedeten und eine Stunde später wieder die Zivilisation erreicht haben dürften.
An diesem Nachmittag sah wieder alles nach einem ruhigen Abend aus - so lange, bis ich zu meinem großen Erstaunen Fußgänger am anderen Ufer der Krossá erspähte, welche sich seltsam verhielten. Neugierig fuhr ich hinüber und stellte fest, dass die neunköpfige Gruppe Briten gerne bei mir übernachten wollte, so ich ihnen denn über den Fluss helfen können würde. Gesagt, getan, also brachte ich die Leute über die Krossá und ihr Gepäck anschließend mit dem Hänger bis zum Campingplatz. Und als das dann alles erledigt und die müden Wanderer im Shop ihre Süppchen kochten, klingelte das Telefon. Ein Teil einer für morgen angekündigten Gruppe wollte gerne heute schon kommen und erkundigte sich, ob das möglich sei. Da die Jungs von der Bergrettung waren und die Hütte leer stand, gab ich mein okay, verabschiedete mich aber gleichzeitig für den heutigen Tag. Ich habe keine Lust, bis Mitternacht aufzubleiben; die Jungs werden sich selber zurechtfinden müssen. Und deshalb gehe ich jetzt auch schlafen, und bin ziemlich sicher, dass meine Bergretter sich im Falle eines Problems zu helfen wissen werden!