Dienstag, 18 September 2007
Ich befinde mich im Tief, oder: Kerstin, die Landschulheimleiterin
Also, dieser Herbst ist ja wirklich zum Mäusemelken. Jetzt bin ich zwar gerade einmal eine Woche in der Þórsmörk, aber in dieser Zeit hat es dann auch nur geregnet. Ich kann jetzt nicht sagen, ob es daran liegt, dass ich gerade ein Jahr lang in Neuseeland verbracht habe, wo ja eigentlich nur die Sonne scheint, und ob ich folglich komplett verweichlicht bin, oder ob das Wetter wirklich so absolut beschissen ist, dass ich darüber motzen darf...
Nun ja, wie dem auch sei, es regnet und stürmt seit ich hier bin, mit gelegentlichen mehrstündigen Pausen, die man dann für alles nutzt, was man draußen noch nicht gemacht hat. Irgendwie habe ich auch gar keine Lust mehr, die Wettervorhersage anzuhören. Ich besitze als einziges Medium ja nur ein Radio, und dieses empfängt bloß Rás 2, einen eher konservativen Sender, der entweder sehr isländische Diskussionen sendet oder aber klassische oder sonstige Einschlafmusik bringt. Dort werden viermal am Tag Wetternachrichten verlesen, und auch abends, wenn man übers Radio den Fernsehnachrichten zuhören kann, bekommt man ein Wetterupdate. Allerdings ist es eher etwas verwirrend, dem Fernsehwetterbericht zu folgen, denn da wird dann immer nur gesagt: "... und von hier zieht dann das Tief ein, welches sich hier und hier und auch hier abregnen wird, wogegen es hier trocken bleibt, südlich davon dafür etwas windiger..." Immerhin kann man sich da aussuchen, welches Hier wohl auf seinen Standpunkt zutreffen mag!
Aber egal welchen Wetternachrichten man zuhört, gesagt wird immer nur dasselbe. Hier ein Ausschnitt des täglichen Wetterberichtes.
"Unwetterwarnung: im Hochland darf mit Sturm und extremen Niederschlägen gerechnet werden. Südisland, Aussichten bis 18 Uhr: Südostwind mit 15-20m/s. Nieselregen bis Regen.
Aussichten für das ganze Land für die kommenden Tage: Morgen Nacht wird der Regen in größten Teilen des Landes etwas nachlassen, allerdings rückt am Mittwoch von Westen her ein weiteres Tief heran. Mittwoch und Donnerstag wird es in meisten Teilen des Landes regnen. In der Nacht auf Freitag wird der Regen etwas nachlassen, aber nur, um am Wochenende dem nächsten Tief Platz zu machen, das uns auch bis Mitte nächster Woche viel Niederschlag bringen wird..."
Kann man da nicht verstehen, dass man dem Wetterbericht eigentlich am liebsten nicht mehr zuhören möchte und dies eigentlich nur tut, weil man sehnlichst auf gute Nachrichten wartet...?
Einen täglichen Lichtblick gibt es wetterunabhängig aber zum Glück immer! Broddi, welcher hier den Sommer über als Hüttenwart stationiert war, hat zwei junge Polarfüchse aufgezogen. Die beiden sind nun schätzungsweise dreieinhalb Monate alt und leben unter dem Holzgerüst meiner Hütte. Sie sind Fremden gegenüber recht scheu, aber nichts desto trotz äußerst liebenswert! Wie zwei kleine Hundewelpen tollen sie manchmal ums Haus und sind, wie ich schon sagte, einfach nur putzig anzuschauen! Es geschieht ja nun auch wirklich nicht oft, dass man Polarfüchse so nah zu Gesicht bekommt! Da mir niemand die Namen der beiden sagen kann, musste ich kreativ werden. Die hellgraue Füchsin ist eher schüchtern vom Charakter, aber wenn sie einmal Vertrauen fasst, dann ist sie ganz behutsam im Umgang mit Menschen. Irgendwie ergab es sich so, dass ich sie Sæla nannte, "Freude" oder "Heiterkeit". Ihr Bruder, ein großer, dunkelbrauner Frechdachs, ist so tollpatschig und ungestüm, dass er seinen Namen sofort weghatte: Kjáni nannte ich ihn, was soviel wie "Dummkopf" oder eben "Tollpatsch" bedeutet. Er stolpert ganz gerne über seine eigenen Pfoten und findet ihm hingeworfene Dinge generell erst beim dritten Anlauf - ich finde, der Name passt!
Da ich keine Ahnung hatte, hier zwei Füchse durchfüttern zu müssen, gebe ich ihnen alles, was so anfällt. Sie bevorzugen natürlich Fleisch, verschmähen aber auch Brot, Früchte und Gemüse nicht, ebenso wenig wie Nudeln oder Milchprodukte. Mittlerweile haben sie sich an mich und das fuchsuntypische Essen gewöhnt, erkennen mich, kommen wenn ich sie rufe und fressen mir inzwischen sogar aus der Hand. Allerdings muss man da bei Kjáni etwas aufpassen: er hält Finger für Würstchen und beißt richtig feste zu, dieser kleine Mistkerl...
Aber zurück zum schlechten Wetter. Etwas Gutes hat der ständige Regen dann doch: ich brauche mich nicht darüber zu ärgern, keine Zeit für Ausflüge zu haben, denn bei dem Regen will eh niemand vor die Tür. Außerdem habe ich nun wirklich genug mit den Schulklassen zu tun, die sich hier beinahe täglich abwechseln. Die Kinder sind im absolut schlimmsten Alter: 14-16 Jahre sind sie alt, pubertierende, naturfremde Kids aus Reykjavík, die eigentlich überhaupt gar keine Lust haben, zwei Tage abseits jeden Handykontaktes in einer Berghütte zu verbringen. Von Sauberkeit haben sie noch nie etwas gehört, Mülltonnen werden generell ignoriert, und es scheint nichts Spannenderes für sie zu geben, als ihre Namen oder blöde Bemerkungen mit wasserfesten Stiften auf allen nur erdenklichen Holzflächen zurückzulassen... Es ist wirklich eine reine Katastrophe. Nachdem ich mir das Verhalten der ersten Klasse stillschweigend angesehen habe, beschloss ich, nun etwas deutsche Zucht und Ordnung in deren Aufenthalt einfließen zu lassen, um einen Supergau zu verhindern.
Ich muss zugeben, dass es schon Überwindung kostet, sich vor eine randalierende Großgruppe pubertierender Möchtegernsuperstars zu stellen und ihnen auf Isländisch die Leviten zu lesen. Zumal ich ja nun bekanntlich Deutsche bin und nach meinem einjährigen Aufenthalt in Neuseeland noch nicht zu meiner ehemaligen Beherrschung der isländischen Sprache zurückgefunden habe. Aber die mir von Gísli nahegelegte Methode von mehreren Versammlungen und strikter Regeleinhaltung hat Früchte getragen. Wenn die 40-70 Kids in ihren Bussen ankommen, fange ich sie zuerst ab und nenne ein paar Grundregeln sowie die Tatsache, dass eine halbe Stunde später ein Treffen im Südsaal stattfinden wird. Auf diesem mache ich dann deutlich, dass es die Kinder sind, welche die Hütte hinterher putzen müssen, und dass Kaugummis in den Mülleimer gehören, nicht auf Böden oder unter Tische. Süßigkeiten und Softdrinks sind aufgrund sehr schlechter Erfahrungen ab sofort in den Schlafsälen verboten, und da ich mittlerweile weiß, welche Kritzeleien wo zu finden sind, kann ich hinterher auch die Verursacher von Edding-Schmierereien ausfindig machen und zum Putzen verdonnern.
Bin ich nicht eine herrlich schrecklich strenge Landschulheimleiterin geworden?
Nun, so schlimm ist es hoffentlich dann doch nicht; Verbote taugen bekanntlich nur dann, wenn den Kids deutlich gemacht wird, warum sie aufgestellt wurden. Ich bitte sie, zu kooperieren, legen ihnen die Gründe dar, und die Belohnung ist die Tatsache, dass sie umso weniger putzen müssen, je weniger Dreck sie machen. Und zu meinem großen Erstaunen hilft diese Art der Erziehung tatsächlich: seit ich mit meinen Vorträgen angefangen habe, putze ich täglich nur noch zwei bis drei Stunden, nicht fünf. Und die Lehrer machen bisher auch recht enthusiastisch mit - vielleicht sind sie sogar ganz froh, dass ihnen mal einer das Aufstellen von Regeln abnimmt, wer weiß...

