Nú er frost á fróni, oder: Großreinemachen in Landmannalaugar
Dass Palli mich als Verstärkung zu Gerður schickte, welche die momentane alleinige Hüttenwartin in Landmannalaugar war, überraschte uns beide. Es ist wie gesagt kaum mehr etwas los im Hochland, die Hütte soll jeden Tag geschlossen werden. Theoretisch dürfte eine einzelne Person locker mit den anfallenden Arbeiten fertig werden - theoretisch zumindest. Praktisch verstehe ich Pallis Entscheidung mittlerweile sehr gut, mich hierher zu schicken. Die letzten Hüttenwarte, Gerður inbegriffen, haben nämlich sehr viele Arbeiten vor sich hergeschoben. Die Hütte und das Klohaus sind penibel saubergehalten, und Gerður hat auch schon die meisten großen Steine auf dem Campingplatz zu Haufen zusammengetragen und die Stege gelockert, was eine Menge Arbeit darstellt. Aber über diese Grundpflichten hinaus hat sie leider keinen Handschlag getan.
Das im Frühsommer neu errichtete Hüttenwarthaus sieht aus, als würden noch Handwerker darin arbeiten. Im Lager und der Werkstatt hat seit Wochen keiner mehr aufgeräumt; Gerður scheint in ihren fünf Wochen als Hüttenwart überhaupt noch niemals einen Fuß in besagte Räume gesetzt zu haben. Sie wusste folglich nicht, was sich wo befand, geschweige denn in welcher Menge es vorhanden war, hatte keine Ahnung vom Wassersystem oder wie sie reagieren soll, wenn es friert. Sie ist noch nie auf die Idee gekommen, den Unmengen von Müll an den Kragen zu gehen, welche um die Hütten verteilt im Gras lagen. Und das Plumpsklo, welches wir für die Winterzeit öffnen müssen, ist bis unters Dach mit Altpapier und Leergut gefüllt. Kurzum: es gab sehr viel zu tun.
Unter meiner recht bestimmten Anleitung haben wir zwei in den vergangenen drei Tagen Landmannalaugar einmal komplett auf den Kopf gestellt! Ich habe die Schuppen aufgeräumt, mir einen guten Überblick über die vorhandenen Materialien und Werkzeuge machen können, so dass ich nun eine Liste angefertigt habe über die Dinge, welche für die Winterzeit hier benötigt werden. Wir haben Tische, Grille und Mülltonnen im Unterstand beim Klohaus gestapelt, ebenso wie die Stege, welche wir abmontiert und zu zweit rübergeschleppt haben.
Mit Stegen meine ich die hölzernen Wanderwege, welche zwischen den Hütten und der heißen Quelle gelegt sind. Im Winter liegt hier überall Schnee, man könnte die Holzstege sowieso weder sehen noch nutzen - statt dessen würden die Jeeps dann drüberfahren. Schnee hindert die Isländer ja nicht daran, ins Hochland zu fahren, im Gegenteil: hier in Island gilt die Regel, dass man bei Schnee überall fahren darf, also auch offroad, was die Menschen der Insel mit Begeisterung tun. Mit den dicken Balonreifen der Superjeeps lässt es sich recht gut auf verschiedenen Schneearten fahren, selbst zugefrorene Flüsse und Seen schrecken die Wagemutigen nicht ab. Und erst recht nicht irgendwelche unter dem Schnee versteckten Holzstege.
Nun ist es an der Zeit für einen kurzen Exkurs über das Reiseverhalten des durchschnittlichen Isländers. Wenn einer der Inselbewohner davon spricht, dass er übers Wochenende verreist, dann kann man in 99% der Fälle davon ausgehen, dass er in einem modifizierten Jeep irgendeinen Teil des isländischen Hochlandes unsicher machen will. Das wiederum bedeutet, dass er etwas Einzigartiges tun möchte und garantiert nicht die Dinge macht, die Touristen tun würden. Vielleicht begründet dieser Wunsch der Abgrenzung gegenüber der Touristen (Synonym: "Ausländer") die Tatsache, dass bei den allermeisten der hellhaarigen, blauäugigen und kurznasigen Neowikinger spontane Erblindung einsetzt, wenn es um das Lesen von Verbots- und Hinweisschildern oder das Erkennen von Absperrungen geht.
Zusätzlich dazu handelt es sich bei der jeepfahrenden Subspezies des Homo islandicus außerdem um die wohl fußfaulste Art des Menschen - konkurrierend nur mit dem Homo vereinigtestaatus. Deshalb wird mit dem auf Saunatemperatur beheizten Gefährt immer so weit wie irgend möglich an das Etappenziel herangefahren; es scheint, als würde die Regel gelten, dass jeder zurückgelegte Schritt, jede körperliche Betätigung das Freizeiterlebnis mindern würde.
Auf das winterliche Landmannalaugar bezogen bedeutet dies, dass Jeeps beinahe direkt vor der Hütte geparkt werden. Die sich dabei unter dem Schnee befindlichen Holzwege und Plattformen können dem Gewicht der tonnenschweren Autos teilweise nicht standhalten. Folglich versuchen wir Hüttenwarte die Schäden zu begrenzen und montieren die Stege einfach für den Winter ab. Zumindest da wo es möglich und umsetzbar ist. Dass es sich dabei um eine Menge Arbeit handelt, dürfte klar sein, aber nur so können wir sicherstellen, dass die Holzwege im nächsten Frühsommer wieder einsatzbereit sind.
Nachdem wir die Stege vor dem Klohaus schön aufeinandergeschichtet hatten, schickte ich Gerður los, den Campingplatz aufzuräumen. Hihi, die Arme, sie hatte sich ihre letzten touristenfreien Tage in Landmannalaugar wahrscheinlich ganz anderes vorgestellt und nicht erwartet, von einer arbeitswütigen Deutschen zum Dauereinsatz abkommandiert zu werden... Während sie die Steine zusammenräumte, die von den Campern als Heringsbeschwerung im sandigen Untergrund genutzt werden, habe ich die mehreren hundert Meter Seil der Absperrungen zusammengerollt und die beweglichen Pfosten zum Klohaus gebracht - auch dies ist notwendig, damit die Jeeps und Schneemobile im Winter nicht alles kaputtfahren.
Damit war die Arbeit aber noch lange nicht getan. Wir haben die Leergutkästen geleert, Müll gesammelt und die ganzen im Freien gelagerten Müllsäcke zum Container gebracht. Wie überall, so gibt es auch hier Raben, und die sehen in den schwarzen Plastiksäcken potentielle Futterquellen. Die klugen Vögel säbeln die Säcke mit ihren Schnäbeln regelrecht auf und verteilen den Müll dann in alle Himmelrichtungen - Müllsäcke auf Island im Freien zu lagern ist folglich keine gute Idee!
Außerdem haben wir versucht, bei Minusgraden das neue Hüttenwarthaus braun anzumalen. Es ist bisher schneeweiß, soll aber dunkel angestrichen werden, um den existierenden Hütten angeglichen zu werden. Da es seit Wochen nur geregnet hat, war bisher nur eine halbe Wand braun angestrichen worden und wollten wir jetzt zumindest die Frontfassade fertig stellen, weil ein geschecktes Haus nicht wirklich toll ausschaut. Das Wetter ist seit einer Woche einigermaßen beständig, kalt aber trocken, so dass wir einen Malversuch starteten - diesen aber dann doch bald aufgaben. Die Farbe nämlich zog nicht ins Holz ein, sondern gefror daran fest: mit dem Resultat, dass man nur feste an das gestrichene Holz klopfen muss, um das Weiß unter dem scheckigen Braun wieder sichtbar zu machen. Das ist nun auch nicht der Sinn der Sache gewesen...

Zum Wetter: allmählich geht es dem Winter entgegen. Vor etwa einem Monat ist in Landmannalaugar schon ein Meter Schnee gefallen, der ist allerdings wieder komplett weggetaut. Die Spitzen der umgebenden Berge sind gepudert, aber ansonsten sieht hier alles aus, wie im Sommer - und das im Oktober! Landmannalaugar ist das Schneeloch des südlichen Hochlandes, wenn es irgendwo schneit, dann hier! Einer der Guides sagte mir, dass er es in fünfzehn Jahren noch nie erlebt hätte, dass hier im Oktober gar kein Schnee läge. Klimawandel lässt grüßen...
Seit der Nacht auf Montag friert es aber endlich und lassen wir die Wasserhähne deshalb ständig laufen, um ein Einfrieren und Platzen der Wasserleitungen zu verhindern. Heute Nacht wird es am Kältesten; -8°C ist vorausgesagt, und da wir den Tag über trotz Sonnenschein schon -2°C hatten, hoffe ich, dass die Wasserleitungen dies mitmachen. Das Problem hier ist nämlich, dass wir einen Wassertank nutzen müssen, um den nötigen Druck fürs fließende Wasser zu erhalten. Alles Wasser von Hütte und Campingplatz, warm oder kalt, kommt aus besagtem Tank. Wenn wir diesen leeren, damit er bei Frost nicht platzt, haben wir kein Wasser mehr und werden es auch nicht mehr haben solange es friert. Und da für morgen steigende Temperaturen angesagt sind, drücke ich uns die Daumen und hoffe, dass alles gut gehen wird...


