Reiseleiter ausländischer Veranstalter

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Monique
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Reiseleiter ausländischer Veranstalter

Beitragvon Monique » Fr 25. Mai 2018, 00:12

Viele von euch lesen die Artikel auf Icelandreview und ich möchte zu einem davon Stellung nehmen, da er nicht alle Teile seines Themas berücksichtigt:

http://icelandreview.com/news/2018/05/2 ... es-80-less

Ja, es gibt diese Honorarpolitik bei den angeprangerten Touren (9-Sitzer Busse/Vans werden gemietet, 1 Reiseleiter führt bis zu 8 Gäste) und auch ich habe die ersten Jahre u. a. für einen deutschen Veranstalter gearbeitet, der danach zahlte. Bis zu 16 Std arbeiten, kochen, abwaschen, autofahren, wandern, guiden ... das ganze für - je nach Tour 80-120 € am Tag. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ich schloss damit und arbeitete irgendwann nur noch für Isländer. Nach dem isländischen Reiseleitertarif in der Besonderheit für Selbständige.

Die (isländischen) Zahlen, dir ihr in dem oben verlinkten Artikel lest, gelten für Driverguides. Also für diejenigen, die als Reisleiter eingesetzt werden und gleichzeitig auch das Fahrzeug führen. Der Tarif umfasst die Reiseleitervergütung und einen schönen Aufschlag fürs Fahren. Und die gennanten Zahlen gelten, wenn man den Tarif nimmt, nicht an einem normalen 8-Stunden-Tag in der Woche. Denn was in Island das Guiden finanziell interessant macht, da bin ich ehrlich, sind die Zuschläge für Überstunden,für das Arbeiten an Wochenenden oder Feiertagen. Wer ganz normal "nur" von Mo-Fr seine 8 Stunden arbeitet, verdient auch in Island (bezogen auf die Lebenshaltungskosten) nicht viel - Toursimus ist überall nicht gut bezahlt. Wer als Druiverguide z. B. an einem Wochentag ganz normal seine 8 Stunden arbeitet, bekommt ca. 26.000 Kronen. Dass in dem Artikel nur die sehr hohen Sätze genannt wurden, finde ich ein wenig Augenwischerei. Aber ja, es gibt in bestimmten Konstellationen diese Sätze.
Dass auf Seiten der Isländer diese "jungen Leute" keine formale Einweisung haben, wage ich an vielen Stellen zu bezweifeln, denn die Isländer legen sehr viel Wert auf ihre Reiseleiterschule.

Warum ich das betone: Ich finde es wichtig, dass ihr wisst, dass durchaus ein massives Ungleichgewicht in der Bezahlung vorherrscht zwischen Personen, die für Isländer und für Ausländer tätig sind und das gilt eben ganz besonders bei den genannten Touren, bei denen Driverguides eingesetzt werden.

Daneben gibt es aber auch Reiseleiter, die für ausländische Reiseveranstalter arbeiten, die mehr als den genannten Tagessatz bekommen. Das Lohnniveau der Isländer wäre für viele ausländische Reiseveranstalter aber tatsächlich auch ein "Ich-kann-bald-nicht-mehr-Kriterium". Ebenso wie es z. B. die Hotelpreise sind - in diesem Artikel wird ja bereits benannt, dass die Gruppenbuchungen zurückgegangen sind, das wird jedoch nur der starken Krone zugeschrieben, nicht den immer weiter steigenden Hotelpreisen :roll: ). Bezüglich des Reiseleiters gilt: Klar, je kleiner die Gruppen, um so mehr fällt der Posten ins Gewicht. Auf der anderen Seite stimmt es, dass die ausländischen Reiseveranstalter ihr Einkommen in Island nicht versteuern und dadurch ggf. Vorteile haben bzw. dem Land Island Steuern entgehen. Aber so ganz alleine könnten es die Isländer halt gar nicht stemmen - das vergessen sie gerne.

Island als europäischer Staat, der nicht Mitglied der EU ist, ist eine Besonderheit. Als Guide, der seine Firma in Deutschland hat und u. a. in Island für ein isländisches Unternehmen tätig ist, zahle ich meine ESt in Deutschland. Ich muss aber beim isländischen Finanzamt eine Ausnahmegenehmigung beantragen, dass ich das darf (an Stelle des Doppelbesteuerungsabkommens, was hieße, dass ich mein in Island erzieltes Einkommen zunächst mal in Island versteuern müsste). Und ich muss in Dtl auch meine SV-Beiträge zahlen. Auf der anderen Seite gibt es eine MwSt-Regelung, die dazu führt, dass ich als ausländisches Unternehmen, das ich nunmal bin, auf meine in Island abgerechneten Leistungen in Island MwSt abführe. Bürokratie gibt es nicht nur in Dtl, sondern auch im Land der Vulkane. Und eigentlich habe ich es auch begrüßt, dass im letzten Jahr vereinzelt Kontrollen stattfanden, wo die Fahrer und Reiseleiter hinsichtlich ihrer Steuerbarkeit und der vertraglich abgeschlossenen Ausnahmen überprüft wurden. Diesbezüglich tut sich also etwas.

Mein Eindruck - seit Jahren - ist, dass die Isländer sich bedrängt fühlen. Böse, ausländische Guides nehmen ihnen zu Tiefstpreisen die Arbeit weg. Sie vergessen aber, dass sie a) personell gar nicht in der Lage sind, alle Aufträge abdecken zu können und dass dem Land b) viele Unterkunftseinnahmen entfallen würden, müssten all die ausländischen Reisveranstalter schlagartig aufgrund der gestiegenen Kosten ihre Reisen einstellen. Island ist im europäischen Vergleich einfach so teuer geworden, dass man sich eh fragt, wohin das Ganze führen soll. Aber diese Frage sehen die Isländer nicht. Sie sehen in Bezug auf Reiseleiter nur den Fakt, dass die oftmals erstmal weniger Geld als die Isländer bekommen. Viel weiter reichen die Überlegungen dann aber nicht.

Wünschenswert wäre, dass sich die Isländer mal "übergreifend " Gedanken zum Thema Tourismus machen, statt immer nur Einzelaspekte heraus- und anzugreifen. Aber "übergreifend" ist vermutlich ebenso ein Fremwort wie "Nachhaltigkeit" und beide stehen der "Ich-will-rausholen-was-geht-Mentalität" gegenüber.

Ich wünsche den Isländern, dass sich ein paar schlaue Köpfe dazu Gedanken machen, statt dass einfach immer nur wild durch die Gegend geschossen wird.

Monique
Das Wetter auf unseren Touren im Sommer 2018: https://islandauftour.blogspot.com/
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