Hallo zusammen,
ich habe mich neulich mit der Etymologie von Farbbezeichnungen beschäftigt und bin dabei über ein faszinierendes sprachliches Gedankenexperiment gestolpert, das ich gerne mit euch teilen und diskutieren möchte.
Es geht um die Frage, wie stark das moderne Isländische noch mit seinen urgermanischen Wurzeln verbunden ist – und zwar anhand einer ganz konkreten Alltagsszene aus der Bronze- oder Eisenzeit.
Das Szenario:
Eine germanische Mutter schickt ihr Kind zum Beerensammeln. Sie möchte, dass das Kind die reifen, bläulich-wachsartig schimmernden Blaubeeren pflückt, aber die grünen Blätter am Strauch lässt. Da die Germanen damals das abstrakte Wort „oval“ nicht kannten, beschrieb man die Blattform bildhaft als „Zungen“. Das Wort „grün“ (*grōni) bedeutete damals primär „saftig/wachsend“. Und für das Pflücken nutzte man das Wort *lesan – also „lesen“ im ursprünglichen Sinne von auslesen, sortieren, einzeln aufpicken (wie Aschenputtel die Linsen liest).
Rekonstruiert man diesen Zuruf der Mutter ins Urgermanische (ca. 500 v. Chr.), klingt der Satz so:
„Les þō blēwōz basjōz, nī þō grōnijōz tungōz!“
Wenn man diesen Satz nun etymologisch und grammatikalisch 1:1 in das moderne Isländische überträgt, kommt folgendes heraus:
„Lestu þau bláu ber, ekki þau grænu tungur!“
Meine Fragen an die Muttersprachler und Island-Experten hier in der Runde:
1. Das Textverständnis: Wenn ein Isländer diesen Satz heute so hört oder liest, stolpert er natürlich zuerst über „Lestu...“ (weil man heute damit „Lies das Buch“ assoziiert). Versteht man im Kontext der Beeren (ber) dennoch den poetischen oder archaischen Sinn des „Auslesens/Aufsammelns“?
2. Die Grammatik: Wie „falsch“ oder holprig klingt der Satz für ein modernes isländisches Ohr in dieser starren 1:1-Struktur? (Mir ist bewusst, dass man im Alltag eher „Tíndu bláu berin, ekki grænu blöðin!“ sagen würde).
3. Die Metapher: Wirkt die Bezeichnung tungur (Zungen) für die Blätter im Isländischen völlig absurd, oder gibt es solche bildhaften Pflanzenbeschreibungen in der isländischen Poesie/Sprachgeschichte vielleicht sogar?
Ich bin sehr gespannt auf eure Gedanken, Korrekturen und linguistischen Einschätzungen zu diesem Satz!
Bless bless!
Ein sprachliches Gedankenexperiment: Würde ein Isländer diesen ur-germanischen Satz heute noch verstehen?
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